Würdest du dich ausziehen, für mich, vor mir? Ich schaue ihn ungläubig an, überrascht, aber seine hellblauen Augen weichen nicht aus. Diese angenehme Reisebekanntschaft eine gepflegte, sympathische Erscheinung, höflicher, aufmerksamer Umgang, unaufdringliche Männlichkeit. Er verfügt über das, was ich „Bildung“ nenne und was ich oft vermisse an Männern meines Alters. Nein, ich spüre kein „Kribbeln im Bauch“ in seiner Gegenwart, aber … Ich lass den inneren Projektor laufen. Ich ziehe mich aus, er schaut oder starrt mich an. Er errät meine Gedanken. Nein, kein Sex im üblichen Sinne. Das läuft bei mir nicht mehr. Was hat er also vor? Ich bestelle mir noch einen Caipi. „Ich kann viel für dich tun.“ Ich weiß es. Und ich brauche nicht damit zu rechnen, dass es zum Sex kommt. Jedenfalls nicht so richtig. Er möchte nur, dass ich mich ausziehe, vor seinen Augen.
Ein kleiner Gefallen für ihn, gegen einen anderen für mich. Oft läuft es anders mit anderen, das spricht sich herum: eine Runde Vögeln und der bessere Job sind geritzt. Aber Maurice schaut nur hin – vielleicht holt er sich auch einen runter, wenn das noch geht. Er ist nicht gewalttätig, ich könnte jederzeit aussteigen aus dem kleinen Liebesdienst. Maurice hat Stil, er möchte vorher mit mir essen, speisen, sagt er. Und ich denke „vorher“ und wie es mir wohl geht mit dem „Nachher“. Ich blicke aus dem Fenster und bringe mein „OK“ heraus – unbestimmt und doch irgendwie unwiderruflich. Draußen wiegen die Birken bedenklich ihre Häupter. Champagner, was sonst. Die Flasche erwartungsvoll im Kühler, geneigt, Maurice behandelt das Luxusgetränk routiniert. Mir wäre ohne das Sternemenü im Magen wohler, aber schließlich waren es nur Häppchen.
Beim Cognac hätte ich gern nachbestellt: noch einen! Aber: besser nicht angetrunken sein, wenn er mir an die Wäsche geht. Ich fühle mich unsicher. Mit welchen perversen Wünschen könnte Maurice aufwarten? Bedenken kann ich mir kaum leisten, also abwarten, was kommt. Er fällt sozusagen mit der Tür ins Haus: „Meine Liebe, ich möchte dich in deiner Unterwäsche sehen, wenn wir anstoßen.“ Also, ich soll mein Kleid ausziehen, jetzt? Ja, mach es hier. Ich ziehe mir mein Kleid über den Kopf aus und lege meine Bluse ab. Schwarze Strumpfhose, darunter ein schwarzes Höschen, nicht zu knapp geschnitten. BH auch schwarz, soft. Das kommt mir fast nackt vor. Die Zeit läuft bzw. steht. Ich kenne dieses Gefühl nicht, mich einfach so zu zeigen. In meiner Unterwäsche angestarrt zu werden, ohne einleitendes, begleitendes Liebesspiel, von begehrenden Augen, wie eine erotische Statue.
Ist das schon Prostitution? Mich ausziehen für Geld. Ich stehe da, M. steht auch auf und reicht mir das Champagnerglas. Ich quäle mir ein Lächeln ab und stoße mit M. an. Vielleicht ist mit Alkohol alles entspannter. Ich habe noch mein Glas in der Hand, die ist somit quasi gefesselt, als M. sein Fingerspiel beginnt und mich betastet, quadratzentimeterweise. Meine Haut zwischen Strumpfhose und BH, das Höschenteil: Bauch, Po – langsam, mit dezentem Fingerkuppen-Druck, die Oberschenkelinnenseiten. Und dann bittet er mich, die Füße etwas breiter zu stellen, und nimmt mir das Glas ab. M. steht hinter mir, drückt sich gegen meinen Po und schiebt eine Hand in meinen Slip. Die andere bespielt abwechselnd meine eine und meine andere Brust. Sein Mund beknabbert meinen Nacken. Strumpfhose und Slip werden herabgeschoben.
Poh, nackt. Handfläche bewegt sich auf meinem Fellchen und seine Finger massieren die richtige Stelle. Ich möchte einen Orgasmus vortäuschen und komme tatsächlich. Aus seinem halbstarken Glied tropft es. Es hängt aus seinem Hosenschlitz. Fertig. Ich ziehe mich wieder an. Besuch im Bad. Das war’s. M. lässt sich nicht lumpen und einige Tage später kommt ein erfreulicher Brief von der Geschäftsleitung.





